ZUSAMMENFASSUNG DES VIERTEN EUROPÄISCHEN BIELEFELD KOLLOQUIUMS

10. - 12. FEBRUAR 1998

Meine Damen und Herren,

Heute habe ich die Ehre Ihnen eine Zusammenfassung dieses Kolloquiums zu bieten.
Es wäre aber nicht sehr angemessen, an dieser Stelle das Angebotene in allen Einzelheiten darzulegen oder zu wiederholen.
Erstens fürchte ich das wäre eine Beleidigung für Ihre Aufmerksamkeit. Zweitens sind manche Texte schon zu Ihrer Verfügung gestellt worden.
Also, einen Überblick, ein persöoliches Kommentar, das können Sie von mir erwarten.

Meine Damen und Herren. Nicht nur heutzuTage, sondern auch in längst vergangenen Zeiten haben wir uns als Menschen uns mit fast unlösbare Fragen beschäftigt. Nicht nur mit fast unlösbaren, sondern für uns moderne Menschen in einer komischen Gestalt gefaßten Fragen.

So gab es damals, im Mittelalter unseres Abendlandes, die Frage, ob der Adam einen Nabel hätte. Wie es sich denken läst, erwarteten unsere Ahnen sicherlich keine empirischen Antwort. Die für uns durchaus komische, vielleicht lächerliche Frage, war vor allem als Anlaß zum nachdenken gemeint. Anders gesagt, es handelte sich vonviegend um die Frage nach unserem Ursprung. Und in dieser Hinsicht wird sie erst sinnvoll.
Ähnlicherweise möchten auch wir fragen: Wir, haben wir einen Nabel?
Die Frage nach unserem Ursprung, dem der Bibliothekare, ist während des Kolloquiums öfters gestellt worden. Welche ist unsere Verplichtung hinsichtlich unseres kulturellen Erbgut? Würden wir uns als Erbträger nicht verleugnen wenn wir uns frisch und fröhlich dem elektronischen Charakter der Informationsgesellschaft ergeben würden?

Meine Damen und Herren.
Der hier schon zitierte Historiker Ranke hatte gesagt: 'Jede, Epoche ist unmittelbar zu Gott.'
Das mag stimmen für die Historiker und für Epochen, aber wie ist es mit den Bibliothekaren und mit den Verlegern? Hörten wir nicht jemanden sagen: 'Die Bibliothekare sind wichtiger denn je?' Wenn wir also nicht immer 'unmittelbar zu Gott' gewesen sind. so sind wir es jedenfalls heute. Und lassen wir uns daraber freuen! Wir sind wichtiger denn je! Wir, Bibliothekare und Verleger, sind wir nicht Träger einer Epoche, des Informationzeitallters? Erstaunlich, erfreulich. Wir, als Bibliothekare und Verleger, erleben also historische Zeiten.

Mehr noch, vielleicht leben wir zwischen den Zeiten, als Achse der Zeiten.
Wie eine Euforie!
Aber, da warnt uns der weise Kant, indem er er geschreibt:
'unser Vernunft hat die Neigung jenseits der raum zeitlichen Erfahrung zu zielen in die Schein, in die Illusion.'
Wie es auch sei, jedenfalls ist während dieser drei Tage vielmals das Adjektiv 'neu' benutzt worden. Und da ist mehr als ein Klischee, mehr als leere Retorik. Bestimmt im Sinne einer Änderung. Es ändert sich heutzuTage viel in einem ungeheurigen Tempo. Nicht nur im Spektrum der Technologie, sondern auch für die Mitspieler, für die Spieler im Feld der Informationfrage und des Informationsangebot. Also, für die Bibliothekare und Verleger. Stellt sich nicht ein wahres 'Renversement des Alliances' heraus, weil wir beide ins Unsichere geraten sind? Wer sind die Fragenden und wer die Anbieter?
Aber 'neu' bedeutet vielleicht auch etwas anderes. Es gibt nämlich in der Geschichte Momente, an denen Mitspieler und Institutionen unerwartet zu Trage treten und unvermutete Verantwortlichkeiten zu tragen bekommen.
Es ist schon gesagt worden. Im digitalen Zeitalter sind die Bibliothekare wichtiger denn je. Mit den Verleger was es wahrscheinlich schon immer so gestellt. Jedenfalls, wir, Bibliothekare sind gerufen mit den Verlegern die Informationsgesellschaft zu tragen. Wir sind ihre Träger, ihre Karyatiden, sei es dynamische und interaktive Karyatiden. Welch eine neue Ehre, welch eine neue Verantwortlichkeit. Epochal!

Meine Damen und Herren. Was heißt das eigentlich, eine Informationsgesellschaft? Was bedeutet das? Ach, was anderes, als daß die Gesellschaft unbedingt von den Bedürfnissen un Potenzen der Information bedingt wird? Sowie die Gesellschaft es im Mittelalter von den Landwirtschaft war. Und im 19. Jahrhundert von der Industrie. Und siehe, da sind wir, die Bibliothekare und Verleger als ihre Träger aus dem Dunkeln, ins Licht hervorgetreten. Wir, jedenfalls die Bibliothekare fühlen uns noch ein bißchen unheimisch, doch die im Lichte stehen, die sieht man.
Und siehe, 'Socrates' und 'Leonardo' reichen uns die Hand und laden uns zum Tanz. Ein 'Pas de deux' oder eine 'Quadrille'? Wahrlich ein richtiges 'Renversement des Alliances' an das wir uns noch gewöhnen müssen. Bibliothekare und Verleger sind neue Partner geworden, wie werden sie tanzen? Aber wir sind nicht alleine. Die Politik und die Behörden sind da zu unsere Hilfe. Zuverläßliche Hilfer, gewiß, wie uns manchmal erzählt worden ist. Zum Beispiel die Europäische Union mit ihrer ehrgeizigen Programm 'Info 2000: Vom Griffel zum Schirm, das zielt auf die Änderung vom Sensibilisieren zum Handeln und auf den Durchgang von der technischen Infrastuktur zu den Inhalten'.
Vorwärts, lautet es in Brussel.
Vorwärts lautet es in Bonn.
Vorwärts lautet es in Bielefeld.

Meine Damen und Herren.
Dieses vierte Europäische Bielefeld Kolloquium war in diesem Sinne ein sehr wichtiges Ereignis. Sehr vieles haben wir gehört und gesehen. Viel Neues und Interessantes haben wir miterlebt. Aber, was unser Kolloquium uns über alles gezeigt hat, ist daß wir 'the point of no return' endgültig passiert sind. Es gibt noch vieles, sehr vieles zu tun. An neue Interessen und Verantwortlichkeiten müssen wir uns noch gewöhnen. Das ist unverkennbar. Ein neues Gleichgewicht ist noch zu finden.Viele Fragen werden sich ergeben. Das Spannungsfeld der gemeinsamen und entgegengesezten Interessen, von Fragen und Angeboten, zwischen Kultur und Wirtschaft läBt sich vielleicht zusammenfassen mit dem scheinbaren tautologischen Satz: 'ist alles möglich was möglich ist?' Er ist kennzeichnend für unsere Lage. Es könnte eine Warnung für alberne Euforie sein.
Zum Schluß und zum Trost, zur Demütigung und Ermütigung Folgendes: Erstens, wir alle haben einen Nabel, das heißt, wir sind nicht restlos unseren eigenen Ursprung. Die Welt und die Informationsgesellschaft haben also nicht mit uns angefangen. Wir stehen auf den Schultern unserer Vorfahren.
Zweitens, der Adam, sein Name heißt: Mensch, hatte Nachkommenschaft. Wir haben also eine Zukunft. Und in dieser Hinsicht leben wir zwischen den Zeiten.
Wenn man mich, wieder zu Hause, fragen würde: wo warst du denn? Dann werde ich antworten: ich war in Bielefeld. Na und wie war es? Dann werde ich sagen: es war epochal!